Apr-3-2008

Auge in Auge mit dem Orca

OrcaHautnah sind Wale entlang der Inselgruppe der Lofoten vor Norwegens Küste in ihrem Winterquartier zu erleben. Eine legendäre Fahrt mit dem Postschiff führt Wal-Begeisterte zum Tysfjord, wo die Orcas im Spätherbst auf Heringsjagd gehen.

VON PETRA SESTAK

MS Finnmarken begibt sich auf südgehende Route als wir in Kirkenes nahe der russischen Grenze an Bord des Postschiffes gehen. Bereits nach dem Mittagessen bricht die Dämmerung an und wenig später tiefe Nacht, so dass wir bald das Zeitgefühl verlieren. Der Körper kommt hier oben schnell zur Ruhe und wir inhalieren die frische arktische Luft. Zahlreiche Fjorde lassen wir hinter uns, erahnen die verschneiten Bergspitzen und genießen den Anblick der beleuchteten Hafenstädtchen aus dem Panoramasalon. Ab und zu bricht Hektik aus und Passagiere stürmen an Deck: Polarlicht. Die grünen bizarren Schleier, die bevorzugt in den hohen nördlichen oder südlichen geographischen Breiten auftreten, bezaubern immer wieder aufs Neue. An Deck kommt man schnell in Kontakt mit Mitreisenden und tauscht gerne Tipps aus, wie man das schönste Polarlichtfoto ergattern kann. In den Stunden, in denen wir kein Polarlicht sehen, starren wir gebannt auf das raue Fahrwasser und die vorbeiziehende Landschaft.

Mit an Bord von MS Finnmarken ist Professor Dr. Boris Culik, Meeresbiologe und Walexperte aus Kiel. Mit spannenden Vorträgen und Dokumentarfilmen stimmt er uns, die in wenigen Tagen auf Walbeobachtung gehen, auf den Hering fressenden Orca in den norwegischen Fjorden ein. Wale an der Küste Kanadas dagegen speisen am liebsten Lachs, diejenigen vor Südamerika gerne Robben oder Jungtiere anderer Walarten.

Am 900 Meter tiefen Tysfjord im hiesigen „Turistsenter“ angekommen, nähern wir uns dem tierischen Höhepunkt der Reise. Seit mehr als 20 Jahren versammeln sich hier von Oktober bis Ende Januar sechseinhalb Millionen Heringe, bevor sie weiterziehen, um vor der Südküste Norwegens zu laichen. Das ist Grund genug für rund 700 Orcas im Tysfjord zu überwintern, denn verhungern werden sie hier sicherlich kaum. Der Wal-Tourismus ist in diesem Gebiet überschaubar, ca. 15 Touristen pro Tag statten den Orcas einen Besuch ab.

Ungeduldig, der ersten Begegnung mit den Artgenossen von „Free Willy“ entgegenfiebernd, können einige von uns kaum einschlafen. Und auch der erste Gedanke am nächsten Morgen gilt dem zweitgrößten Meeressäuger – Orca, Schwert- oder Killerwal genannt. Draußen ist es dunkel und es regnet Bindfäden. An diesem Morgen liegt Spannung in der Luft. Jeder fühlt sie, aber spricht nicht darüber. Man genießt den Moment für sich. Wenn es doch aufhören könnte zu regnen. Einige von uns wollen die Schwertwale vom Deck der Leonora, einem größeren Fischerboot, beobachten. Wärmende und wasserdichte Overalls schützen die anderen vor Kälte und Nässe, die sich im Schlauchboot auf die Suche nach dem Riesensäuger machen. Plötzlich reißt wie ein Wunder der Himmel auf, die Landschaft färbt sich herbstlich und ein Regenbogen spannt sich über uns. Es herrscht absolute Stille an Bord. Wir sind vor Spannung wie erstarrt. Mit aufmerksamen Blicken suchen wir alle das tiefblaue Wasser ab in der Hoffnung den ersten Wal zu erhaschen. Lange müssen wir nicht warten, bis die erste Finne die Wellen durchbricht. Die Orca-Gruppe taucht elegant auf und zeigt sich in voller Pracht. Jungtiere halten sich nah bei der Mutter. Unser Kapitän verlangsamt die Fahrt und macht schließlich den Motor aus. Wie nah werden sie kommen? Trotz ihrer mächtigen Körper mit einer Länge von rund acht Metern und einem Gewicht von fast fünf Tonnen verspüren wir keine Angst – im Gegenteil, die Wale strahlen eine gewisse Ruhe und Vertrautheit aus. Einige unserer mutigen Männer gehen sogar auf Tuchfühlung, in dem sie – ausgestattet mit Taucheranzügen – den Killerwalen entgegen schwimmen und sich mit ihnen im Wasser tummeln. Unter unserem Boot ist ein Unterwassermikrophon angebracht, so dass wir die Wale nicht nur sehen sondern auch hören können. Wir erfahren, dass Orcas hohe Pfeiflaute zur Verständigung erzeugen. Zur Orientierung und Jagd haben sie zusätzlich eine „Waffe“ entwickelt, die sonst nur die Fledermäuse besitzen: die Echoortung. Sie senden Ultraschalllaute aus und nehmen das reflektierte Echo wahr. Dadurch können sie ein Ultraschallbild ihrer Umgebung erzeugen und selbst in dunkelster Nacht oder in großer Tiefe ihre Beute erkennen.

Und dann ist es soweit: Die Meeressäuger sind gekommen, um zu essen. Heringe stehen auf dem Speiseplan. Die Jagd auf den Heringsschwarm beginnt. Der Angriff wirkt, als sei er bis auf das kleinste Detail durchdacht. Die Wale umzingeln ihre Beute und treiben sie an die Wasseroberfläche. Eingekesselt von ihren Feinden springen die Heringe panisch aus dem Wasser und schnappen nach Luft. Es wirkt wie ein letzter Hilferuf der silbrig leuchtenden Fische. Ihr Fluchtinstinkt ist allerdings nutzlos, ein Entkommen aussichtslos. Mit ihren Schwertflossen schlagen die Wale auf den Heringsschwarm ein und erlegen die Fische. Es dauert nur wenige Minuten und betäubte oder tote Heringe treiben an unserem Schlauchboot vorbei. Die Riesensäuger liefern uns ein fantastisches Schauspiel. Genüsslich schlagen sie sich ihre Bäuche voll. Sie stehen förmlich senkrecht im Wasser als führten sie ein Freudentänzchen auf. Bevor sie den Ort der Schlacht verlassen, kreisen schon die nächsten Hungrigen am Himmel: die Möwen erfreuen sich kreischend eines Festschmauses.

Innerhalb von rund drei Stunden haben wir rund sechzig Wale gesehen. Am Abend tauschen wir unsere Erlebnisse mit den anderen weit gereisten Wal-Fans aus Australien und Frankreich aus, bevor wir zufrieden in unsere Betten sinken und das Naturschauspiel noch einmal in unseren Gedanken Revue passieren lassen.

Der Schwertwal:
Wale (Cetacea) gehören zu der Ordnung Waltiere – eine Wortkombination aus dem griechischen ketos für „Seeungeheuer“ und dem lateinischen cetus für „großes Meerestier“. Wale sind im Laufe der Evolution vom Land ins Wasser „gewandert“; sie sind die am stärksten ans Wasserleben angepassten Säuger und bringen sogar ihren Nachwuchs unter Wasser zur Welt. Schwertwale, Killerwale oder auch Orcas (Orcinus orca) genannt, sind überwiegen in kühleren Küstengewässern anzutreffen. Bei den Walen gibt es zwei grundverschiedene Gruppen: Die Schwertwale sind in der Gruppe der Zahnwale angesiedelt, da sie – bis auf einige wenige Arten – viele spitze Zähne besitzen. Andere Wale wie zum Beispiel der Blau- oder Finnwal gehören der Gruppe der Bartenwale an. Sie haben keine Zähne sondern am Oberkiefer eine Art Reuse aus Hornplatten (Barten), mit denen sie ihre Beute filtern. Sie sind sehr sozial und leben in stabilen Familienverbänden, in so genannten Schulen. Für die Aufzucht der Kälber ist die gesamte Schule verantwortlich. Jede Orca-Schule hat ihre eigene Sprache, die sie von anderen Schulen durch den Dialekt der Töne unterscheidet. Weibliche Schwertwale können bis zu 8 Meter, Männchen bis 8,5 Meter lang werden. Die Rückenflosse misst 1 bis 1,3 Meter. Mit ihren 10 bis 13 konisch geformten Zähnen je Kieferseite gehören sie zu den größten Jägern der Ozeane.

Der Lektor Prof. Dr. Boris Culik:
Prof. Dr. Boris Culik hat sich als Autor zahlreicher Veröffentlichungen sowie Fernsehbeiträge einen Namen gemacht. Der Kieler Meeresbiologe beschäftigt sich seit 1982 mit dem Verhalten von Walen und Pinguinen. Erfahrungen hat er bei mehr als 20 Expeditionen in die Antarktis, nach Chile, Mexiko und Kanada gesammelt. In spannenden, multimedialen Vorträgen vermittelt Culik Wissenswertes und die neuesten Forschungsergebnisse über das Verhalten und die Lebensgewohnheiten der Meeressäuger.

Literaturtipps für Walfreunde:
Wer Lust hat, mehr über die Meeressäuger zu erfahren, kann in folgender Literatur schmökern:

Morton, Alexandra: „Die Sinfonie der Wale – Mein Leben mit den Riesen der Meere“. Malik 2003

Lemke, Elisabeth und Roche, Jean C.: „Wale – Giganten der Meere. Greenpeace-Buch. Wale und Delfine kennen, beobachten, schützen“. Franckh Kosmos Verlag 2002

Kiefner, Ralf: „Wale und Delphine weltweit“. Jahr Top Spezial 2002

Hurtigruten Themenreisen:
Grandiose Naturschauspiele bieten zwei Themenreisen, bei denen die Begegnung mit den „Giganten der Meere“ im Fokus steht. Im Rahmen des Arrangements „Pottwale & Polarkreis“ reisen die Passagiere vom 26. August bis zum 2. September 2008 auf MS Nordnorge ab Bergen und erleben die Schönheiten der nordnorwegischen Küste. In Andenes geht es zur Pottwal-Beobachtung – die Begegnung mit den riesigen Meeressäugern gilt als ein ganz besonderes Erlebnis. Der Meeresbiologe und Walexperte Boris Culik begleitet die Reise und gibt in seinen Vorträgen Einblicke in die Welt der Wale. Diese achttägige Themenreise ist ab 2.480,- Euro pro Person buchbar.

Eine spektakuläre Erfahrung machen die Teilnehmer der Reise „Orcas & Fjorde“ vom 14. bis zum 20. November 2008 auf MS Trollfjord: Bereits auf der Postschiff-Fahrt von Bergen bis Svolvær stehen die Schwertwale im Mittelpunkt der Vorträge des Walexperten Boris Culik. Auf der anschließenden Wal-Safari erleben die Reisenden die Jagd der Orcas auf die Heringsschwärme, die im Winter in den Tysfjord ziehen. Das Spektakel kann aus nächster Nähe beobachtet werden. Die siebentägige Reise kostet ab 2.375,- Euro pro Person.

posted in Welten Bummel - von red
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  1.       ||AP>> Alignment Verhalten Said,

    […] werden[3]. Einzelnachweise↑ Craig Reynolds: Boids↑ Süddeutsche Wissen. 04, 2008, S. 10.↑ gejagte Heringsschwärme Siehe auchKollektive Intelligenz Kategorien: Theoretische Biologie | Verhaltensbiologie © […]

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